Ein paar Worte zu... Benedict Wells - Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells Vom Ende der Einsamkeit | Gegenwartsliteratur | Leinen-HC, 368 Seiten | diogenes Verlag | Preis: 22,00€  | erschienen am 1. März 2016 | ISBN: 9783257069587 | Hier bestellen: Thalia *amazon


Worum geht es?

»Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.« Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Als Erwachsene glauben sie, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben. Doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein. Ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Und vor allem: eine große Liebesgeschichte.

Wie hat es mir gefallen?

Ich hatte mir dieses Buch ja extra für den Urlaub gekauft. Lustigerweise hat sich diese Lektüre dann als echt gutes Café-read herausgestellt. Allein die ersten 100 Seiten habe ich weggeschmöckert, als wir bei bestem Rotterdamer Regenwetter in einem kuscheligen Café am Oudehaven versackt sind (dort ist auch das Titelbild entstanden). Die restlichen Seiten las ich dann in der zweiten Urlaubsetappe im Erfurter Speicher beim Kaffee. 

Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, in die Geschichte hineinzufinden, selbst wenn sie mit dem Thema Tod einleitet und ihr somit eine gewisse Schwerlastigkeit anhaftet. Der Leser weiß also schon zu Beginn (und auch durch den Klappentext), dass die jeweiligen Protagonisten auf einen traurigen Lebensabschnitt hinarbeiten und das es nach diesem schweren Einschnitt schwer sein wird, den Kopf oben zu halten. Nach dem Prolog beginnt die Geschichte dann aber tatsächlich und zwar im Jahr 1980, als alles noch in geraden Bahnen verlief, also ... so einigermaßen. 

Der Leser kommt in den ersten Kontakt mit der Familie, vor allem das Geschwistergespann und ihre Bindung zueinander werden bis ins kleinste wörtliche Detail zum Ausdruck gebracht. Hauptakteure sind hier vor allem Jules (aus dessen Sicht die Geschichte auch erzählt wird) sowie seine Schwester Liz und sein Bruder Marty. Aber auch die Bindung zu den Eltern selbst wird nicht außer Acht gelassen. Insbesondere das Bildnis des Vaters und der Mutter empfand ich gut herausgearbeitet und die Figuren wirkten mehr als nur greifbar, sodass sich bei mir schnell mehr als nur ein Ergriffensein einstellte, als genau diese Eltern bei einem tragischen Unfall ums Leben kommen und sich für die hinterbliebenden Kinder von nun an alles ändert. Dabei nutzt Wells aber keine übertriebene Emotionalität oder zeichnet gar Figuren, die ein stetiges Jammern und Selbstbemitleiden an den Tag legen. Er erzählt gänzlich normal.
Mein Vater hatte damals gesagt:"Am wichtigsten ist, dass du deinen wahren Freund findest, Jules." Er hatte gemerkt, dass ich nicht verstand, und mich eindringlich angesehen. "Dein wahrer Freund ist jemand, der immer da ist, der dein ganzes Leben an deiner Seite geht. Du musst ihn finden, das ist wichtiger als alles, auch als die Liebe. Denn die Liebe kann vergehen." (...) S. 33
Bei so viel Detail könnte man meinen, Wells würde ausschweifen, macht er aber nicht. Er trifft seine Gedanken verständlich und auf den Punkt genau. Ungeschönt und real, schriftstellerische Eigenschaften, die ich in diesem Lesejahr besonders zu schätzen gelernt habe. Wells arbeitet sich ab 1980 in Lebensabschnitten vor, ergänzt durch kindliche und jugendliche Erinnerungen, eine Art Flashback, getragen durch Lebensweisheiten, die die Eltern vielleicht noch auf den Weg gaben oder durch prägende Ereignisse, die Jules selbst erlebt hat. Das passt auch zur Figur von Jules selbst, denn über ihn sagt man: 
"Aber ich schreibe doch nicht, Alva, wie oft denn noch. Das ist alles Jahre her." "Vielleicht schreibst du nicht auf Papier, doch in deinem Kopf tust du es", sagte sie mit leiser Stimme und berührte mich am Arm. "Das hast du schon immer getan. Du bist ein Erinnerer und Bewahrer, und du weißt es." S. 197f
Selbst wenn sich die Geschichte hauptsächlich mit dem Lebensweg von Jules beschäftigt, mit der ewigen Suche nach dem einen Etwas, das die Leere und Einsamkeit aufzusaugen vermag, wird auch ein Augenmerk auf die Entwicklung der Figuren Marty und Liz gelegt. Letztere hat der Tod der Eltern insofern besonders getroffen, als dass sie nicht nur einmal vom Weg abkommt. Ich hatte beim Lesen ständig das Gefühl, als würde ich ein Schiff beim ewigen Sinken beobachten, dass dann doch immer mal wieder die Chance hat, Anker zu setzen, diese Möglichkeiten aber mit voller Absicht nicht nutzt. Ein Paradebeispiel für die Selbstzerstörung per se. 

Selbiges kann man auch ein Stück weit bei Jules beobachten, der in all den Jahren bis 2014 damit beschäftigt ist, die Lücke zu füllen, die seine Eltern hinterlassen haben. Ständig ruhe- und kopflos gepaart mit so viel Hilfslosigkeit. Soll er in die Fußstapfen seines Vaters treten, was ist wenn er dies und das nicht gut macht, und was will er eigentlich? Dagegen schreibt Wells aber alles andere als ruhe- und kopflos, ich habe schon lange mehr kein Buch gelesen, das so viel Ruhe mit sich bringt. Ich konnte für jede Figur Verständnis aufbringen und mich in irgendeiner Weise einfühlen. Vielleicht auch, weil Wells das echte Leben (be-)schreibt. Und wie immer bei solchen Büchern könnte ich noch ewig und drei Jahre schreiben, was noch alles schön an der Geschichte war, deshalb machen wir es lieber kurz:

Wer auf neumodische oberflächliche Dramatik setzt, wird hier keinesfalls fündig. Wer sich hingegen nach der gewissen Tiefe und viel Detailreichtum sehnt, nach einem vielschichtigen Familiendrama aus der Feder eines wortgewandten Mannes, der sollte sich dieses Buch dann doch einmal näher ansehen. Ich habe Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells jedenfalls mit fünf Sternen bewertet. Nun schwimme ich also auch auf der Wells-Welle und kann es kaum abwarten seine anderen Bücher zu lesen. Eine ganz klare Leseempfehlung!

Lieblinks

Hier findet ihr das Buch auch nochmal auf der Verlagswebsite. Weitere Bücher und eine Kurzbiografie könnt ihr euch hier ansehen. Außerdem ist Benedict Wells Ende August wieder auf Lesereise und macht unter anderem in Leipzig, Hamburg, Erfurt, Düsseldorf und Berlin Halt. Alle Lesungstermine findet ihr hier auf der rechten Seite



 Ich wünsche euch noch einen wunderschönen Tag! Wir lesen uns hier am Sonntag wieder :-)

Kommentare

  1. Hatte mir das Buch auch gleich am Erscheinungstermin gekauft und sofort verschlungen. Es ist wirklich toll und ich freue mich schon, wenn er in zwei Monaten hier zu einer Lesung kommt.
    Liebe Grüße und einen schönen Freitag
    Sandra von PlentyLife

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  2. Benedict Wells ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren. "Fast Genial" von ihm ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. "Vom Ende der Einsamkeit" habe ich meiner Mutter zum Geburstag geschenkt und nachdem sie es nun endlich durchhat, freue ich mich auch schon darauf, es zu lesen.

    Liebe Grüße,

    Hanna von Written In Red Letters

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